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Arigato

Noch beinahe druckfrisch liegt „Arigato“ ausgelsen in meiner Hand. Italienisch-österreichische Geschichte über die ich wenig Bescheid weiß, keine Rezension ist noch im Netz und was heißt eigentlich Arigato? Ich google und lese, tauche tief ein in ein äußerst interessantes Themenfeld.

Am 26. 8. 2020 ist Ursula Wiegels neuestes Buch im Otto-Müller-Verlag erschienen. Es erzählt sprachlich gekonnt von Vera, sie und ihre Familie werden 1976 beim großen Erdbeben (Orcolat) und seinen gefährlichen Nachbeben im Friaul obdachlos. Das ganze Dorf ist zerstört, viele Tote sind zu beklagen. Die Obdachlosen wohnen in Zelten oder werden in Behelfunterkünften an der Adria untergebracht. Vera darf nach Villach kommen, wohnt bei Onkel Hans und Tante Rosa.

Vera konnte vorab bereits etwas Deutsch, waren ihre Großeltern teilweise ursprünglich deutschsprachig gewesen. Trotzdem waren viele deutsche Wörter für sie anfangs verwunderlich, sie setzte sie oft anders in den Aufsätzen ein, oft sehr poetisch.

„Erdbeben klingt hier so weich wie Erdbeere, fast fruchtig und süß mit dem verschluckten R, das Wort macht mir keine Angst. Die deutsche Sprache weiß wenig davon, was bei einem terremoto passiert.“

Während sich Tante Rosa sehr um die Schülerin kümmert und ihr sogar den Wunsch nach einem Kimono schneidernd erfüllt hat Onkel Hand große Abneigung gegen die „Halbe Italienerin“. Er wettert gegen die feigen Italiener und lässt keine Gelegenheit für geschichtliche Seitenhiebe aus. Vera schafft es, sich mit innerlichem Widerstand dem zu widersetzen. Das Geschichtliche bezieht sich auf Optierungen der Italiener und Slowenen im Kanaltal, auf die Italienisierung dieses Gebietes, auf den ersten und zweiten Weltkrieg im Alpe-Adria-Raum.

Ursula Wiegele schreibt feinfühlig über Sprache, lässt Vera mit Wörtern spielen und bereitet in Romanform die jüngere Geschichte des Dreiländerecks (Italien/Österrreich/Slowenien) auf.

„Die deutschen Wörter hier in Villach erschrecken mich nicht, auch wenn sie zwei O in sich haben wie das Mundwasser vom Großonkel, der mich aufgenommen hat, und wie das klebrige Pulver für das Frühstücksgetränk. Und der Orcolat, der ist sowieso ein Friulaner, über die Staatsgrenze kommt der niemals.“

Wer am geschichtlichen Hintergrund von „Ich bleibe hier“ von Marco Balzano, von „Eva schläft“ von Francesca Melandri oder „Engel des Vergessens“ von Maja Haderlap interessiert war könnte auch dieses Buch gerne lesen.

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