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Was für ein Roman! Gesicht im blinden Spiegel

Ein Leseerlebnis von Brita Steinwendtner, erschienen im Otto-Müller-Verlag

Was für ein interessanter und ausführlich recherchierter Roman, der sich so sehr für Frieden ausspricht.

Brita Steinwendtner, langjährige Intendantin der Rauriser Literaturtage, ORF-Mitarbeiterin und Lehrende an mehreren Universitäten hat einen berührend vielfältigen Roman über die Zeit von 1866 bis 1916 geschrieben.

Johannes Czermak ist gerade sechzehn und begeisterter Trompeter. Er zieht freiwillig, sehr zum Unverständnis seines Vaters, mit zwei Frenden und Musikerkollegen in die Schlacht von Königgrätz (Preußen gegen die Habsburger Monarchie). Ihr Spiel treibt die Soldaten in einem Rausch am Schlachtfeld voran. Der Kampf geht in die Geschichte ein, doch die menschlichen Schicksale versickern in den blutgetränkten Äckern. Mehr tot als lebendig wird Johannees von einem Johanniter beim letzten Gang über das Feld unter den Toten entdeckt. Zwei Jahre wird er von ihm betreut, gesund gepflegt, mit mutmachenden Zitaten von großen Literaten versorgt, doch eine Wange und sein Kinn fehlen fortan. Er ist ein Trompeter, der keine Trompete mehr blasen kann.

Johannes beschließt in der sicheren Dunkelheit einer Schmiede zu lernen. Er ist geschickt, handwerklich wie kaufmännisch. Seine große Musikalität drückt er nun am Cello aus. Die Zeiten und familiäre Umstände ändern sich. Er verlässt Böhmen und wird Werksmeister der Sensenschmiede Bachleithen in Leonstein bei Steyr. Hatte mich der Roman bereits vorher mit seiner Sprache, der Musik und dem Nachdenken über den Frieden, so hatte er mich nun voll und ganz, kenne und mag ich doch die Gegend um Steyr sehr, sehr gerne. Johannes entschied sich für die Stelle in Steyr, weil er dachte „Sensen – das ist Frieden, Mähen ist ein friedliches Tun“, wiewohl Steyr auch die Stadt Werndls war, dem Erfinder der bahnbrechenden Hinterladergewehre mit Tabernakelverschluss. Spät im Roman gesellt sich noch Venedig als dritter Handlungsort dazu und der Roman berkommt eine weitere Dimension.

Johannes ist belesen, holt sich Bücher von Trakl und Heine aus den Bibliotheken, abboniert „Die Fackel“, liest Schriften von Bertha von Suttner und Karl Kraus, er erwähnt Marie Curie, spielt besonders gerne Schuberts gefühlvolles „Notturno“ oder das „Forellenquintett“. Er lernt mit seinem halben Gesicht zu leben. Gekonnt und einfühlsam gelingt es Steinwendtner die persönliche Entwicklung Johannes zu erzählen und dabei das nationale und weltweite Geschehen einzubinden. Immer wieder ist dabei das Festhalten am Willen zum Frieden, das Dilemma, den Frieden zu unterstützen. Eine große Leseempfehlung!

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